Arco by Paco Pérez — Mein Abend auf 140 Metern

Minimalistisches Degustationsmenü-Gericht auf weißem Porzellan mit Kräuteröl und Mikroblüten

Danzigs einziger Michelin-Stern ist auf dem 33. Stockwerk eines Büroturms in Oliwa. Mein Vater wurde 60 — und das war der Anlass, zum ersten Mal 900 PLN für ein Essen auszugeben.

Das klingt nach viel. Ist es auch, für Danzig. Aber ich wollte meinen Eltern etwas zeigen, das Hamburg nicht kann. Nicht nur gutes Essen — das hat Hamburg auch. Sondern diese Kombination: ein Michelin-Stern mit Panoramablick auf die Ostsee, eine Harfenistin im Hintergrund, 24 Gänge in vier Stunden. Für weniger, als mein Vater im Haerlin für ein vergleichbares Menü zahlt.

Die Ankunft

Olivia Star ist ein Büroturm. Das muss man wissen, bevor man hinfährt, sonst steht man vor dem Ding und denkt: hier? Es sieht aus wie die Zentrale einer Versicherungsgesellschaft. Glas, Beton, Parkplätze. Samstag Abend ist das Foyer leer. Kein Concierge mit weißen Handschuhen, kein roter Teppich. Nur ein Aufzug.

Und dann fährt man hoch. 33 Stockwerke. 140 Meter.

Oben öffnen sich die Türen, und man versteht sofort, warum jemand in einen Büroturm in Oliwa einen Michelin-Stern gesetzt hat. Bodentiefe Fenster. Die Danziger Bucht bis zur Halbinsel Hel. Zoppot, Gdingen, das Meer. Es war kurz vor Sonnenuntergang, und mein Vater — ein Mann, der normalerweise nichts kommentiert — sagte: „Nicht schlecht."

Erstmal an die Bar. Pre-Dinner-Drinks, während die Harfenistin spielt. Mallorca-Stein auf dem Boden, handbemalte Holzdecke, Fliesen-Wandbilder — das Interior ist von Sandra Tarruella aus Barcelona, die auch einige Hotels in Spanien gemacht hat. Kein skandinavisches Holz-Minimalismus-Ding. Eher: Mittelmeer auf 140 Metern über der Ostsee. Klingt absurd, funktioniert.

Meine Mutter hat drei Fotos gemacht, bevor sie sich hingesetzt hat.

Das Menü: De Rerum Natura

24 Erlebnisse. Nicht 24 Gänge im klassischen Sinn — einige sind ein einzelner Bissen, andere ein Teller. Die Küche nennt das „Erfahrungen", was normalerweise ein Wort ist, das mich nervt. Hier stimmt es aber: Die Progression hat eine Dramaturgie. Garten, dann Meer, dann Berge, dann Desserts. Knapp vier Stunden, und es fühlt sich nicht wie vier Stunden an.

Ich werde nicht jeden Gang beschreiben. Das machen andere Blogs, und es ist so nützlich wie das Nacherzählen eines Films. Stattdessen die Momente, die mir geblieben sind.

Die Auster mit fermentierter Rote Bete. Danziger Auster, darauf ein Klecks, der nach Borschtsch schmeckt — Schmand, fermentierter Rote-Bete-Saft. Polnisch und mediterran gleichzeitig. Mein Vater, der seit 40 Jahren Austern isst, sagte: „Die ist anders." Ja. Die ist anders.

Das Jamón-Risotto. Das ist das Signature-Gericht, und ich verstehe warum. Kein Risotto im italienischen Sinn. Der Reis ist durchzogen von geschmolzenem Fett, darauf gealterter Groser-Ziegenkäse aus Zentralpolen. Es schmeckt wie drei Länder auf einem Teller — Spanien, Italien, Polen. Fünf Bissen, und man denkt danach noch eine Stunde dran.

Pasta e patate. „Potato Clouds" steht auf der Karte. Gelatineartige Röhrchen in fluffiger Kartoffelemulsion. Hört sich komisch an, ist brilliant. Meine Mutter, die normalerweise kein Kartoffelgericht bestellt, hat gefragt, ob es das nochmal gibt. Gibt es nicht — 24 Gänge, jeder kommt einmal.

Das Wildschwein-Nigiri. Wildschwein auf Reis, rohe Garnele. Süß, salzig, animalisch, marin. Einer dieser Gänge, die einen daran erinnern, dass Essen auch aufregend sein kann und nicht nur gut.

Was nicht funktioniert hat: Ein Gang mit Pilzen, der etwas flach schmeckte. Und ein Fischgang, der mir zu salzig war — aber mein Vater fand ihn perfekt. Geschmackssache. Bei 24 Gängen trifft nicht jeder einzelne ins Schwarze. Das muss er auch nicht.

Der Cebularz Reborn — eine Neuinterpretation des traditionellen polnischen Zwiebelfladen als luftiger Donut — hat mich mehr überrascht als alle Technik-Showcases zusammen. Weil man darin die Herkunft schmeckt, nicht die Methode.

Der Wein

Die Weinbegleitung heißt „Art of Tasting", kostet 415 PLN (ca. 96 EUR) und ist jeden Zloty wert. Der Sommelier hat WSET Advanced — die Ausbildung, die in Deutschland etwa 3.000 Euro kostet und ein halbes Jahr dauert. Man merkt das an der Art, wie er die Weine vorstellt: präzise, ohne Geschwätz, in genau der richtigen Länge.

Rund 800 Etiketten hat Arco im Keller, den man von einem Glaspaneel im Restaurant aus sehen kann. Schwerpunkt Spanien, was bei einem katalanischen Patron nicht überrascht. Kein Naturwein — konventioneller Fine Wine, sauber gemacht, gut ausgewählt. Mein Vater, der in Hamburg seinen Bordeaux trinkt, war zufrieden. Ich habe die spanischen Weißweine notiert, die ich nicht kannte.

Es gibt wohl auch eine Premium-Pairing-Option — die genauen Preise stehen nicht auf der Karte, fragt beim Reservieren nach. Die Basis-Begleitung hat an keiner Stelle gefehlt.

Der Koch, der nicht da ist

Paco Pérez hat fünf Michelin-Sterne, verteilt auf drei Restaurants — Miramar an der Costa Brava (2 Sterne), die ehemalige Enoteca in Barcelona (2 Sterne), und Arco (1 Stern). Aber er ist nicht jeden Abend in Danzig. Das muss man wissen. Er kommt regelmäßig, aber der Kopf in der Küche ist Antonio Arcieri.

Arcieri, geboren in Kalabrien, kam 2007 zu Pérez nach Miramar. Praktika bei Ferran Adrià im El Bulli und bei Eneko Atxa im Azurmendi (3 Sterne). Er leitet sowohl Arco als auch Treinta y Tres im selben Stockwerk. Ehrlich gesagt: Man fühlt sich nicht betrogen. Arcieri kocht auf einem Niveau, das den Stern rechtfertigt. Ob Pérez' Name auf der Tür den Preis um 20 Prozent erhöht? Vielleicht. Aber die Küche liefert.

Mein Vater hat nicht gefragt, ob Pérez da war. Das Essen sprach für sich.

Preise und Vergleich

Die Rechnung, transparent:

Wir waren drei Personen. Jeder das De Rerum Natura (895 PLN) plus Weinbegleitung (415 PLN). Dazu zwei Cocktails an der Bar vorher. Insgesamt knapp über 4.200 PLN — etwa 980 EUR für drei. Pro Person also rund 330 EUR, alles inklusive.

Für zwei Personen mit Weinbegleitung landet man bei 2.600 bis 3.000 PLN (600–700 EUR). Das ist viel Geld. In Danzig ist das ein Monatsgehalt für viele.

Mein Vater: „Für das Geld bekommst du in Hamburg nicht mal die Hälfte."

Stimmt. Das Haerlin (2 Sterne) kostet ab 245 EUR pro Person ohne Wein. Das Trüffelschwein (1 Stern) liegt bei 189 EUR. Jeweils ohne Weinbegleitung, ohne Trinkgeld, ohne die Aussicht, die es in Hamburg schlicht nicht gibt. Arco bietet 24 Gänge plus Weinbegleitung für 305 EUR. Selbst wenn man den Flug nach Danzig einrechnet — Ryanair ab Hamburg, 30 Euro one way — kommt man besser weg.

Die anderen Menüs im Überblick: Hall of Fame (10 Gänge) für 650 PLN (ca. 151 EUR), Green Green Grass vegetarisch (10 Gänge) für 600 PLN (ca. 140 EUR). Wer weniger Zeit hat oder den Preis scheut: das Hall of Fame ist ein guter Einstieg.

Wichtig: 300 PLN Anzahlung pro Person bei der Buchung über OpenTable. Keine À-la-carte-Option — nur Degustationsmenüs.

Würde ich wiederkommen?

Für einen besonderen Anlass: sofort. Der 60. meiner Mutter ist in zwei Jahren — das Arco steht auf der Liste.

Für einen normalen Dienstagabend: nein. Dafür gibt es in Danzig Orte, an denen ich mich wohler fühle und besser esse — jedenfalls für den Preis eines Hauptgangs statt eines 24-Gänge-Menüs.

Der einzige echte Nachteil ist die Lage. Oliwa ist ein Businessviertel. Man fährt mit dem Uber hin (25–35 PLN von der Altstadt), man fährt mit dem Uber zurück. Kein Spaziergang durch die Gassen nach dem Essen, keine Weinbar um die Ecke. Dafür: der Sonnenuntergang über der Ostsee auf 140 Metern. Das hat kein Restaurant in Hamburg.

Wer danach Tapas will, geht eine Etage tiefer zu Treinta y Tres — Arcos lässiger Bruder, Bib Gourmand vom Michelin, spanische Tapas, deutlich günstiger (um die 150 PLN pro Person). Ibérico-Kroketten dort sind die besten, die ich außerhalb Spaniens gegessen habe.

Praktische Infos

Adresse: Aleja Grunwaldzka 472C, 33. OG, Olivia Star, 80-309 Gdańsk (Oliwa)
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 17:00–00:00. Montag und Sonntag geschlossen.
Reservierung: Pflicht. OpenTable oder telefonisch +48 731 334 332. 300 PLN Anzahlung pro Person. Mindestens eine Woche vorher, im Sommer zwei bis drei Wochen.
De Rerum Natura: 24 Erlebnisse — 895 PLN (ca. 208 EUR)
Hall of Fame: 10 Erlebnisse — 650 PLN (ca. 151 EUR)
Green Green Grass: 10 Erlebnisse, vegetarisch — 600 PLN (ca. 140 EUR)
Weinbegleitung: Art of Tasting — 415 PLN (ca. 96 EUR)
Total für 2 mit Wein: ca. 2.600–3.000 PLN (600–700 EUR)
Ideal für: Geburtstage, Jubiläen, besondere Anlässe. Wer einmal im Leben einen Michelin-Stern in Polen probieren will.
Nicht ideal für: Casual Dinner, knappes Budget, spontane Abende ohne Reservierung.
Anfahrt: Oliwa, ca. 6 km von der Altstadt. Uber 25–35 PLN.

Häufig gefragt

Was kostet Arco by Paco Pérez?

Drei Degustationsmenüs: De Rerum Natura (24 Gänge) für 895 PLN (ca. 208 EUR), Hall of Fame (10 Gänge) für 650 PLN (ca. 151 EUR), Green Green Grass vegetarisch für 600 PLN (ca. 140 EUR). Weinbegleitung „Art of Tasting" 415 PLN (ca. 96 EUR). Für zwei Personen mit Wein insgesamt 2.600–3.000 PLN (600–700 EUR).

Gibt es einen Dresscode?

Kein offizieller Dresscode. Smart Casual ist die Norm — ein Hemd schadet nicht, ein Anzug ist nicht nötig. Polen ist grundsätzlich entspannter als Deutschland bei Kleiderordnung in Restaurants. Niemand wird abgewiesen.

Wie weit im Voraus reservieren?

Mindestens eine Woche vorher über OpenTable oder telefonisch (+48 731 334 332). Im Sommer zwei bis drei Wochen. Es wird eine Anzahlung von 300 PLN pro Person fällig. Keine À-la-carte-Option — nur Degustationsmenüs.