Polnische Küche in Danzig

Frisch zubereitete Pierogi ruskie auf einem rustikalen Teller mit Schmand und gebratenen Zwiebeln

Bevor ich nach Danzig gezogen bin, kannte ich polnische Küche aus drei Quellen: dem polnischen Laden an der Reeperbahn, einer Hochzeit in Posen und dem vagen Gefühl, dass Pierogi irgendwas mit Maultaschen zu tun haben. Spoiler: haben sie nicht. Die Teigtasche ist das Einzige, was sie gemeinsam haben. Alles andere ist anders — und meistens besser, als man aus Hamburg kommend erwartet.

Die polnische Küche hat in Deutschland keinen guten Ruf. Kein Ruf wäre präziser. Sie existiert im Bewusstsein der meisten Deutschen irgendwo zwischen „Piroggen" (sic) und „die essen viel Fleisch, oder?". Das ist ungefähr so differenziert wie wenn ein Pole sagen würde, deutsche Küche sei Currywurst und Sauerkraut. Stimmt halt nicht. Nicht ganz.

Fünf Jahre in Danzig (polnisch: Gdańsk) haben mich eines Besseren belehrt. Die polnische Küche ist vielfältiger, saisonaler und ehrlicher als alles, was ich in Hamburg kannte. Nicht raffinierter — das sicher nicht. Aber ehrlicher. Und in Danzig kommt die Ostsee dazu: Hering, geräucherter Dorsch, Flunder. Dinge, die ein Hamburger theoretisch kennt, die in Polen aber anders schmecken, weil sie drei Stunden frischer sind.

Die Klassiker — was ihr kennen müsst

Pierogi

Fangen wir mit dem Elefanten im Raum an. Ja, Pierogi sind gefüllte Teigtaschen. Nein, sie sind keine Maultaschen. Keine Ravioli. Keine Dumplings. Sie sind Pierogi, Punkt.

Der Teig ist dünner als bei Maultaschen, fast nudelig. Sie werden erst gekocht, dann — wenn man Glück hat — in Butter angebraten, bis die Ränder knusprig werden. Dazu Schmand und gebratene Zwiebeln. Das ist die Standardversion, und sie ist perfekt.

Die Füllungen:

Eine Portion (8–12 Stück) kostet 25–40 PLN (6–9 EUR). In der Milchbar noch weniger. In Hamburg zahlst du für eine vergleichbare Menge handgemachte Pasta 14–18 EUR, und die ist nicht handgemacht.

Żurek

Żurek ist die Suppe, die ihr in Deutschland nie bestellen würdet, weil die Beschreibung so absurd klingt: fermentierter Roggenmehl-Sauerteig als Suppenbasis, mit Weißwurst und hartgekochtem Ei. Serviert in einem ausgehöhlten Brot.

Klingt schräg. Schmeckt großartig.

Die Säure erinnert entfernt an Sauerkrautsuppe, aber subtiler, tiefer. Das Brot saugt die Brühe auf. Die Wurst (kiełbasa) ist mild, nicht rauchig wie deutsche Bratwurst. Und das Ei gibt dem Ganzen etwas Cremiges. Ich bestelle Żurek in jedem neuen Restaurant, das ich ausprobiere. Es ist der zuverlässigste Indikator dafür, ob eine Küche etwas taugt: wer Żurek gut macht, kann kochen.

15–25 PLN (3,50–6 EUR). In der Milchbar manchmal 12 PLN. Im Brotlaib serviert: 25–35 PLN.

Żurek-Suppe mit Weißwurst und Ei im tiefen Teller — polnisches Sauerteig-Nationalgericht
Żurek — polnisches Soulfood. Die Säure ist anfangs überraschend, dann unverzichtbar.

Bigos

Deutsche kennen Sauerkraut. Bigos ist Sauerkraut, das drei Tage lang nachdenken durfte.

Der Eintopf enthält Sauerkraut, frischen Kohl, mehrere Fleischsorten (Schwein, Rind, Wurst, manchmal Wild), getrocknete Pilze, Pflaumen und Gewürze. Er wird traditionell über Tage hinweg gekocht — je länger, desto besser. Was ihn von deutschen Sauerkrautgerichten unterscheidet, ist die Komplexität: die Pilze, die Süße der Pflaumen, die verschiedenen Fleischebenen. Es ist kein Beilage-Sauerkraut. Es ist das Hauptgericht.

Bigos ist ein Wintergericht. Bestell es zwischen Oktober und März. Im Sommer steht es manchmal auf der Karte, aber es fehlt der Kontext — man will Bigos, wenn es draußen minus zehn Grad hat und der Wind von der Ostsee kommt.

Kotlet schabowy

Paniertes Schweineschnitzel. Der polnische Bruder des Wiener Schnitzels. Klingt langweilig? Ist es nicht.

Der Unterschied: das polnische Schnitzel ist dicker als das österreichische, weniger ausgeklopft. Das Fleisch bleibt saftiger. Dazu Kartoffelpüree (oder Kartoffeln) und ein Salat aus geraspelten Rüben oder Krautsalat — kein grüner Salat, sondern Surówka, ein Begriff, den ihr euch merken solltet. Surówka ist zu jedem polnischen Hauptgericht dabei und es gibt dutzende Varianten: geriebene Karotten, Rotkohl, eingelegter Gurkensalat.

Kotlet schabowy ist das, was jede polnische Mutter sonntags kocht. In der Milchbar kostet er 18–25 PLN (4–6 EUR). In einem normalen Restaurant 35–50 PLN. In Hamburg zahlst du für ein Schnitzel mit Pommes 16–22 EUR.

Gołąbki

Kohlrouladen. Die kennt ihr. In Polen sind sie größer, werden in Tomatensauce serviert und heißen Gołąbki (gesprochen: go-WOMP-ki). Gefüllt mit Reis und Hackfleisch, manchmal mit Buchweizen. Die Sauce ist das Geheimnis — tomatig, leicht süß, manchmal mit Pilzen. In der Milchbar ein Klassiker. 20–30 PLN.

Was Deutsche überrascht

Manche Dinge an der polnischen Küche passen nicht ins deutsche Raster. Ich habe fünf Jahre gebraucht, um sie alle zu verstehen. Hier die wichtigsten:

Suppe ist keine Vorspeise

In Deutschland ist Suppe das, was man bestellt, wenn man nicht so hungrig ist. In Polen ist Suppe ein eigener Gang — ernst gemeint, satt machend, manchmal das beste Gericht auf der Karte. Żurek, Barszcz (Rote-Bete-Bouillon), Rosół (Hühnerbrühe, jeden Sonntag), Flaczki (Kuttelsuppe — nicht für Anfänger), Krupnik (Graupensuppe). In der Milchbar kostet eine Suppe 10–15 PLN. Bestellt immer die Tagessuppe (zupa dnia). Immer.

Süßes zum Mittag

Pierogi z jagodami (Blaubeeren), Pierogi z truskawkami (Erdbeeren), Naleśniki (Crêpes) mit Quark und Zucker — alles als Hauptgericht. Keine Nachspeise. Hauptgericht. Ich hab einen Hamburger Kumpel im ersten Sommer in eine Milchbar geschleppt und er hat Blaubeer-Pierogi bestellt, weil er dachte, das sei ein Dessert. War sein Mittagessen. Er war verwirrt. Dann hat er nachbestellt.

Ente ist hier normal

In Deutschland ist Ente ein Weihnachtsgericht. In Polen steht Ente das ganze Jahr auf der Karte. Entenbrust mit Morellenkirschen, Entenkeule mit Rotkohl, Entenconfit. Pommersche Ente ist eine regionale Spezialität in der Danziger Gegend. Wer Ente mag: in Polen wird man glücklich.

Saures als Grundprinzip

Żurek ist sauer. Barszcz ist sauer. Gurken sind sauer (Kiszone, nicht Essiggurken — fermentiert, wie Sauerkraut). Kapusta kiszona (Sauerkraut) ist überall. Die ganze polnische Küche hat eine saure Grundnote, die Deutsche erst überrascht und dann süchtig macht. Das Prinzip kennt ihr von Sauerkraut — Polen nimmt es nur ernster.

Flaczki — der Mut-Test

Kuttelsuppe. Kutteln in einer würzigen, pfeffrigen Brühe mit Gemüse und Marjoran. In Norddeutschland kennt das niemand mehr, im Süden vielleicht noch als Kutteln in Tomatensauce. Flaczki ist das polnische Gericht, das die meisten Ausländer nicht bestellen. Ich hab es im dritten Jahr probiert und war überrascht — nicht wegen des Geschmacks, sondern weil die Textur viel feiner ist, als man erwartet. Muss man nicht mögen. Sollte man probiert haben.

Fisch aus der Ostsee

Danzig ist eine Hafenstadt. Der Fisch hier ist ein Argument für sich.

Matias-Hering mit frischem Dill serviert — klassischer Danziger Ostseehering
Śledź matias — der milde Hering. In Danzig frischer als alles, was du in Hamburg bekommst.

Hering (Śledź)

Hamburger kennen Hering. Matjes auf dem Fischmarkt, Bismarckhering aus dem Glas, Rollmops nach dem Kater. Aber der polnische Śledź ist eine andere Liga — nicht wegen der Qualität (die ist vergleichbar), sondern wegen der schieren Vielfalt. In Deutschland hat man drei Zubereitungen. In Polen hat man zwanzig. Auf einem einzigen Wigilia-Tisch an Heiligabend können drei verschiedene Hering-Gerichte stehen — und jedes zählt als eigener Gang der zwölf traditionellen Speisen.

Die wichtigsten Varianten, die ihr auf Speisekarten sehen werdet:

Was mich als Hamburger überrascht hat: die Kombination mit Wodka. In Polen ist Śledź + kalter Wodka eine klassische Paarung — der Fisch vor dem Essen, der Wodka dazu, beides kalt. In Deutschland trinkt man zum Hering Bier oder Aquavit. In Polen Wodka. Funktioniert besser, als es klingt.

In Danzig bekommt ihr Śledź überall: in der Milchbar für 10–18 PLN, im Targ Rybny (dem historischen Fischmarkt an der Motława, dort wird seit 1343 Fisch gehandelt) für 49 PLN als Hauptgericht mit kaschubischen Zubereitungen, und auf der Halbinsel Hel in Räuchereien, die den Fisch direkt von den Fischern kaufen. Der Stara Wędzarnia in Hel ist ein Zwischenkriegs-Räucherhaus — das Gebäude roch vermutlich schon vor hundert Jahren nach Fisch.

Kaschubischer Hering ist die regionale Spezialität: mit Rosinen, mit Kirschen, mit Goldwasser (dem Danziger Kräuterlikör), mit Sauerampfer. Piwna47 serviert kaschubischen Hering mit Kirschen, Senfkörnern und Schalotten — klingt wie eine Hipster-Kreation, ist aber traditionell.

Geräucherter Fisch

Dorsch, Makrele, Flunder — geräuchert aus den Räuchereien an der Ostseeküste. Auf dem Langen Markt in Danzig sieht man die Buden mit den gläsernen Vitrinen. Manche sind touristisch, aber der Fisch ist trotzdem gut, weil er lokal ist und am selben Tag geräuchert wird. Mein Tipp: kauft auf dem Markt in Sopot oder fahrt nach Hel. Weniger Touristen, derselbe Fisch.

Dorsch (Dorsz)

Paniert und gebraten ist der Standard, aber in guten Restaurants wird Dorsz gegrillt, gedünstet oder als Tatar serviert. Die Saison ist Herbst bis Frühjahr. Im Sommer ist Dorsch seltener frisch — dann lieber Flunder oder Hering.

Pommersche Spezialitäten

Danzig liegt in Pommern (Pomorze), und die Region hat ein paar Eigenheiten, die man woanders in Polen nicht findet:

Was es wann gibt — der Saisonkalender

Polnische Küche ist saisonaler als deutsche. Nicht, weil man es will, sondern weil es Tradition ist. Die Speisekarten in guten Restaurants ändern sich alle sechs bis acht Wochen.

Frühling (März–Mai): Spargel (ja, auch in Polen), junge Kartoffeln mit Dill und Butter, frischer Schnittlauch auf allem, Rhabarber in Kuchen und Desserts. Bärlauch taucht in Restaurants auf, die was auf sich halten. Das erste Grün nach dem Winter — in der Milchbar sieht man es an der Zuppe dnia.

Sommer (Juni–August): Blaubeeren-Pierogi, Erdbeeren überall, kalte Suppen (Chłodnik — kalte Rote-Bete-Suppe, pink, irritierend, köstlich). Frischer Fisch auf der Terrasse in Sopot. Zapiekanka (die polnische Baguette-Pizza) an der Strandpromenade. Grillsaison — in den Parks riechen die Abende nach Kiełbasa vom Rost.

Herbst (September–November): Pilzsaison. Das ist in Polen ein Volkssport — am Wochenende fahren die Danziger in die kaschubischen Wälder und sammeln Steinpilze, Pfifferlinge, Maronen. Auf den Märkten kosten frische Steinpilze die Hälfte von dem, was ihr in Deutschland zahlt. Wild kommt auf die Karten. Ente hat Hochsaison. Pflaumen und Äpfel aus der Region.

Winter (Dezember–Februar): Bigos-Wetter. Żurek in der Brotschüssel. Weihnachten (Wigilia) ist der kulinarische Höhepunkt — zwölf Gerichte, kein Fleisch, viel Fisch. Im Januar und Februar sind die Restaurants ruhiger, die Karten kleiner, die Preise manchmal günstiger. Gute Zeit für die besten Restaurants — weniger Touristen, mehr Aufmerksamkeit vom Kellner.

Bestellvokabular für Deutsche

Ihr braucht kein Polnisch. In den meisten Restaurants in Danzig kommt man mit Englisch durch. Aber ein paar Wörter auf der Speisekarte zu verstehen hilft, und das Personal freut sich, wenn ihr es versucht.

Polnisch Deutsch Anmerkung
Zupa dnia Tagessuppe Immer bestellen. Immer.
Zestaw obiadowy Mittagsmenü Suppe + Hauptgang + Getränk, 25–40 PLN
Danie główne Hauptgericht
Surówka Rohkostsalat Kommt zu fast jedem Hauptgang
Kompot Fruchtkompott-Getränk Kein Dessert — ein Getränk aus gekochtem Obst
Na wynos Zum Mitnehmen
Poproszę rachunek Die Rechnung, bitte
Bez mięsa Ohne Fleisch Für Vegetarier
Czy jest bezglutenowe? Gibt es das glutenfrei? Wird immer besser verstanden
Smacznego Guten Appetit Sagt der Kellner. Oder ihr.

Preise — der Hamburg-Vergleich

Ich habe keine Exceltabelle, aber nach fünf Jahren pendeln zwischen Danzig und Hamburg habe ich einen guten Überblick. Und er ist, wie immer, deprimierend — für Hamburg.

Gericht Danzig Hamburg
Pierogi (Portion) 25–40 PLN (6–9 EUR) 12–18 EUR
Żurek 15–25 PLN (3,50–6 EUR)
Schnitzel mit Beilage 35–50 PLN (8–12 EUR) 16–22 EUR
Mittagsmenü (3 Gänge) 30–45 PLN (7–10 EUR) 14–22 EUR
Suppe 12–25 PLN (3–6 EUR) 6–10 EUR
Kuchen + Kaffee 20–30 PLN (5–7 EUR) 8–12 EUR
Milchbar-Mittagessen 15–25 PLN (3,50–6 EUR)

Der Żurek-Eintrag bei Hamburg zeigt einen Strich. Weil es Żurek in Hamburg nicht gibt. Nicht vernünftig jedenfalls. Das ist vielleicht die beste Zusammenfassung: die besten polnischen Gerichte gibt es in Deutschland gar nicht. Ihr müsst also herkommen.

Wo ihr das alles probieren könnt

Für traditionelle polnische Küche in Danzig gibt es ein klares Spektrum:

Meine Empfehlung für den ersten Danzig-Besuch: ein Mittagessen in der Milchbar, ein Abendessen in einem der besten Restaurants. So seht ihr beide Enden des Spektrums.

Praktische Guides

Häufige Fragen

Was isst man in Polen typischerweise?

Die polnische Küche ist deftig und geschmacksintensiv. Die wichtigsten Gerichte: Pierogi (gefüllte Teigtaschen), Żurek (Sauerteigsuppe), Bigos (Sauerkrauteintopf mit Fleisch), Kotlet schabowy (paniertes Schweineschnitzel) und Placki ziemniaczane (Kartoffelpuffer). In Danzig kommen Ostseefisch-Spezialitäten dazu — Hering, Dorsch, geräucherte Flunder.

Sind Pierogi dasselbe wie Maultaschen?

Nein. Pierogi und Maultaschen teilen das Grundprinzip — gefüllter Teig — aber das war's. Pierogi sind kleiner, halbmondförmig, werden erst gekocht und dann oft in Butter angebraten. Die Füllungen sind vielfältiger: Kartoffel-Quark (ruskie), Sauerkraut-Pilz, Fleisch, und süße Varianten mit Blaubeeren oder Erdbeeren. Eine Portion (8–12 Stück) kostet in Danzig 25–40 PLN (6–9 EUR).

Was kostet Essen gehen in Danzig?

Deutlich weniger als in Deutschland. Ein gutes Mittagessen: 30–50 PLN (7–12 EUR). Abendessen im mittleren Segment: 60–100 PLN (14–23 EUR) pro Person. In der Milchbar: ab 15–25 PLN (3,50–6 EUR). Pierogi 25–40 PLN, Żurek 15–25 PLN, Hauptgericht 45–75 PLN.

Was sollte man in Danzig unbedingt probieren?

Żurek — das polnische Nationalgericht, das kein Tourist kennt. Śledź (Hering) in verschiedenen Zubereitungen — in Danzig frisch aus der Ostsee. Pierogi ruskie in einer Milchbar — die einfachste und ehrlichste Version. Im Herbst: frische Steinpilze, die in Deutschland das Dreifache kosten.