Naturwein in Danzig und Polen

Abendstimmung im Brut Bistro Danzig — warmes Licht, Weinflaschen an der Wand, Tresen im Hintergrund

Frühjahr 2022. Mein Kollege Tomek bestellt für mich mit, wie er es manchmal macht, wenn wir im Brut Bistro sitzen. Der Sommelier bringt ein Glas, bernsteinfarben, leicht trüb. Ein Furmint aus Ungarn, Skin-Contact, vier Monate auf den Schalen. Es schmeckte wie nichts, was ich kannte. Nicht schlecht. Nicht gut. Einfach — anders. Wie wenn man sein ganzes Leben Filterkaffee getrunken hat und zum ersten Mal einen äthiopischen Single Origin probiert. Ich wusste nicht, ob ich es mochte. Aber ich musste mehr wissen.

Drei Jahre später stehen bei mir zu Hause in Wrzeszcz polnische Naturweine im Regal. Pet-Nat aus Kaschubien. Blaufränkisch aus Lublin. Ein Orange Wine von einem Winzer, dessen Name ich immer noch nicht richtig aussprechen kann. Wenn mir vor fünf Jahren in Hamburg jemand gesagt hätte, dass ich mal Wein aus Polen trinken würde — freiwillig, gerne, regelmäßig — hätte ich gelacht.

Passiert halt.

Drei Orte. Genau drei.

Ich mache keine falschen Versprechen. Danzig (polnisch: Gdańsk) ist nicht Berlin. Danzig ist nicht Kopenhagen. Es gibt exakt drei Adressen, an denen man in dieser Stadt ernsthaft Naturwein trinken kann. Das klingt wenig. Ist es auch. Aber was da ist, hat Qualität, die mich überrascht hat — und ich bin ein Hamburger, wir sind nicht leicht zu beeindrucken.

Brut Bistro in der Niederstadt ist die Nummer eins, und das mit Abstand. Über 150 Naturweine auf der Karte, ausschließlich Naturwein, kein konventionelles Alibi-Programm. Dazu Küche auf einem Niveau, das den Wein nicht blamiert — eher umgekehrt. Alles Weitere zu den einzelnen Lokalen habe ich in meinem Weinbar-Guide aufgeschrieben, mit Adressen, Preisen, Öffnungszeiten.

SEZON an der Grobla I 3/4 ist kleiner, die Karte überschaubarer, aber die Auswahl sitzt. Die Inhaber fahren selbst nach Mähren und bringen Weine mit, die es sonst nirgends in Polen gibt. Dazu gibt es anständiges Essen — keine Haute Cuisine, aber Gerichte, die zum Wein passen und nicht nur als Beilage existieren.

Moja Wina in der Ulica Elektryków war Danzigs erster rein auf Naturwein fokussierter Laden. Piotr Pietras hat das aufgebaut, als noch niemand in dieser Stadt wusste, was Orange Wine ist. Hauptsächlich am Wochenende geöffnet — unter der Woche hat man Pech. Aber wenn man samstags reinkommt und Piotr gerade eine Flasche aufmacht, bleibt man länger als geplant.

Mehr Details, Öffnungszeiten und Preise: alle Weinbars in Danzig.

Die Leute, die das hier aufgebaut haben

Was mich an der Naturwein-Szene in Danzig am meisten fasziniert, sind nicht die Weine. Die kann man sich theoretisch auch online bestellen. Es sind die Leute. Eine Handvoll Typen, die — jeder auf seine Art — etwas aufgebaut haben, das es vor zehn Jahren in dieser Stadt schlicht nicht gab.

Maciej Łyko

Ich fange mit Maciej an, weil er der Grund ist, warum ich überhaupt Naturwein trinke. Sein Lebenslauf liest sich wie der Plot eines Films, den niemand glauben würde: Weinabteilung bei Mielżyński in Posen, dann ab nach London, zu Gordon Ramsay ins Maze. Von dort zu Launceston Place. Dann zurück nach Polen, Sommelier im kontakt in Warschau — Bib Gourmand, über 400 Positionen auf der Weinkarte. 2019 wird er Polens bester Sommelier. Und dann, statt in Warschau zu bleiben, wo das Geld ist, geht er nach Danzig und baut das Brut Bistro mit auf.

Maciejs Philosophie nennt er „Author's Selection". Jeder Wein auf der Karte erzählt eine Geschichte. Nicht im Marketing-Sinne — er kennt die Winzer persönlich, er war auf den Weingütern, er weiß, warum der 2023er anders schmeckt als der 2022er. Wenn man am Tresen sitzt und fragt, was er gerade empfiehlt, bekommt man keine Verkaufsrede. Man bekommt eine ehrliche Antwort. Manchmal sagt er: „Der ist schwierig, aber probier mal." Und dann probiert man. Und versteht.

Fischgericht auf weißem Teller im Brut Bistro — zartes Filet mit Kräutern und Sauce auf Vintage-Porzellan

Was ich an ihm schätze: Er ist kein Snob. Ich bin mit null Weinwissen bei ihm aufgeschlagen, ein Hamburger, der Riesling trank, weil er halt Riesling kannte. Maciej hat nie mit den Augen gerollt. Er hat einfach Gläser hingestellt und mich selbst draufkommen lassen. Drei Jahre später bestelle ich beim Brut blind — was immer er gerade gut findet. Ich wurde noch nie enttäuscht.

Piotr Pietras und die Pionierarbeit

Bevor es das Brut gab, gab es Moja Wina. Piotr Pietras hat den ersten reinen Naturwein-Laden in Danzig aufgemacht, zu einer Zeit, als die meisten Danziger dachten, „Naturwein" sei ein Marketingbegriff. Er hat Aufklärungsarbeit geleistet, Flaschen importiert, Verkostungen organisiert, erklärt, warum ein trüber Wein kein Fehler ist. Das ist undankbare Arbeit. Die meisten Leute gucken dich erst mal skeptisch an, wenn du ihnen einen trüben, leicht prickelnden Weißwein hinstellt und sagst, das sei das Beste, was sie je getrunken haben.

Piotr hat trotzdem weitergemacht. Dafür hat er meinen Respekt.

SEZON und die Fahrradtour nach Mähren

Die Gründer von SEZON haben eine Geschichte, die ich bei meinem dritten Besuch dort erfahren habe, irgendwann gegen Mitternacht, als die letzte Flasche fast leer war. Sie sind mit dem Fahrrad nach Mähren gefahren — tschechisches Weinland, südlich von Brünn — um Winzer zu besuchen. Nicht als PR-Stunt. Einfach, weil sie die Weine probieren wollten und kein Auto hatten. Unterwegs haben sie in Keller reingeschaut, Trauben gegessen, mit Leuten geredet, die seit Generationen Wein machen.

Diesen Spirit merkt man der Karte an. SEZON hat keine 150 Positionen wie das Brut. Vielleicht 30, 40. Aber jede davon hat einen Grund, da zu stehen. Und wenn man fragt, warum genau dieser mährische Grüner Veltliner, dann bekommt man eine Geschichte, die mit einem Fahrrad anfängt.

SLOW RAW — Danzigs eigener Importeur

Was viele nicht wissen: Danzig hat mit SLOW RAW einen eigenen Naturwein-Importeur. Die bringen Weine nach Polen, die man sonst hier nicht bekommt — kleine Produzenten aus Italien, Frankreich, Slowenien, Georgien. Der Laden Dysydenci in der Stadt verkauft einen Teil davon. Wer Flaschen mit nach Hause nehmen will, statt nur im Restaurant zu trinken, findet hier die beste Auswahl in Danzig.

Polen macht Wein. Ernsthaft.

Das war meine größte Überraschung. Nicht dass es in Danzig guten Naturwein zu trinken gibt — das ist am Ende eine Frage des Imports. Sondern dass Polen selbst Wein produziert. Und zwar keinen Hobbykeller-Wein, den man aus Höflichkeit probiert und dann schnell vergisst. Richtigen Wein. Wein, der international Punkte bekommt.

Die Zahlen: 500 bis 600 Weingüter in Polen. Über 1.000 Hektar Rebfläche, Tendenz plus 20 Prozent pro Jahr. Die gesamte Szene ist keine 25 Jahre alt. Das ist, als hätte jemand in den frühen 2000ern beschlossen, dass in diesem Land mit seinen kalten Wintern und kurzen Sommern Wein funktionieren kann. Und recht behalten.

Kamil Barczentewicz — Weingut Dobre

Wenn ich einem Hamburger Weinfreund einen einzigen polnischen Wein zeigen müsste, wäre es der „Dobre Modre" von Kamil Barczentewicz. Ein Blaufränkisch — oder wie die Polen sagen: Lemberger — aus Lublin, östlich von Warschau. 95 von 100 Punkten. Wäre Kamil Franzose, wäre er berühmt. Stattdessen hat er 12 Hektar auf Kalkstein, macht Weine im burgundischen Stil, unter 11 Prozent Alkohol, und exportiert nach Irland, Dänemark und Großbritannien. In Deutschland kennt ihn fast niemand.

12 Hektar auf Kalkstein. Das klingt nach Burgund, und tatsächlich ist die Ähnlichkeit kein Zufall — kühles Klima, kalkhaltige Böden, niedrige Erträge. Die Weine sind elegant, säurebetont, mit einer Leichtigkeit, die man von polnischem Wein nicht erwartet. Ich habe eine Flasche im Brut getrunken und danach drei im Dysydenci gekauft. Für jeweils 60 PLN (ca. 14 EUR). In einem deutschen Weinladen würde derselbe Wein 22 oder 25 EUR kosten.

Naturwein-Flaschen auf Holzregalen im Brut Bistro — die kuratierte Auswahl von Sommelier Maciej Łyko

Winnica Wieliczka

Bei Krakau, in der Nähe des berühmten Salzbergwerks, liegt Polens erstes biodynamisches Weingut. Seit 2013. Agnieszka Wyrobek-Rousseau hat in Montpellier studiert und ist dann nach Polen zurückgekommen, um hier Wein zu machen. Die Entscheidung wurde damals wahrscheinlich für verrückt gehalten. Heute exportiert Wieliczka in mehrere Länder und gilt als Referenz für biodynamischen Anbau in Mitteleuropa.

Winnica Silesian — Roter Riesling aus Niederschlesien

Das hier ist für die Deutschen unter uns interessant: In Niederschlesien — Schlesien, Breslau, historisch preußisches Gebiet — wächst Roter Riesling. Eine Rebsorte, die man aus der Pfalz und Rheinhessen kennt, hier auf Granitböden, 10,5 Hektar. Scored 92 Punkte. Wenn jemand sagt, polnischer Wein sei Spielerei, zeige ich auf diese Flasche.

Kaschubien — Weinland vor Danzigs Haustür

Das Kaschubische Seenland liegt eineinhalb Stunden südlich von Danzig. Hügelig, bewaldet, Seenlandschaft — und seit ein paar Jahren: Weinbau. Es gibt dort kleine Weingüter, die Führungen und Verkostungen anbieten. Tagesausflüge, die sich mit dem Auto oder sogar mit dem Zug machen lassen.

Pet-Nat aus Kaschubien. Wenn mir das jemand 2021 gesagt hätte, als ich nach Danzig gezogen bin, hätte ich nicht gelacht — ich hätte nicht mal gewusst, was Pet-Nat ist. Jetzt habe ich zwei Flaschen im Kühlschrank.

Wo man Naturwein kauft (nicht nur trinkt)

Trinken in Bars ist schön. Aber irgendwann will man auch Flaschen mit nach Hause nehmen. Oder ins Hotelzimmer. Oder in den Koffer.

Dysydenci / SLOW RAW in Danzig ist die erste Adresse. Angebunden an den Importeur SLOW RAW, also direkter Zugang zu kleinen Produzenten. Wechselndes Sortiment, immer was Neues. Der Typ hinter der Theke weiß, was er verkauft, und erklärt gerne — auch wenn man, wie ich, erst seit drei Jahren überhaupt Naturwein trinkt.

SEZON verkauft auch Flaschen zum Mitnehmen. Die Auswahl ist kleiner als bei Dysydenci, aber dafür auf mährische und osteuropäische Weine fokussiert, die man sonst in Danzig nicht findet.

Moja Wina kombiniert Bar und Retail — was man dort trinkt, kann man meistens auch kaufen.

Wer online bestellen will: naturalrascal.com aus Warschau hat über 450 Naturweine im Sortiment und liefert in ganz Polen. Und naturalisci.pl aus Krakau sind die Pioniere — seit 2014 im Geschäft, als Naturwein in Polen noch ein Nischenthema war. Die wissen, was sie tun.

Was das in Euro kostet

Jetzt wird es für die Hamburger, Berliner und Münchner interessant. Ich rechne das mal durch, weil der Preisunterschied absurd ist und einer der Gründe, warum mein Koffer auf dem Rückflug immer schwerer ist als auf dem Hinflug.

Ein Glas Naturwein in der Bar: 25–40 PLN (6–9 EUR). In Hamburg zahle ich für ein vergleichbares Glas 8–14 EUR. In Berlin ähnlich, manchmal mehr.

Eine Flasche im Laden: 50–80 PLN (12–19 EUR) für solide Qualität. Dieselbe Flasche in einem deutschen Weinladen: 18–25 EUR. Die richtig guten polnischen Weine — Barczentewicz, Wieliczka — liegen bei 60–90 PLN (14–21 EUR). In Deutschland, wenn man sie überhaupt findet, 25–35 EUR.

Abendessen mit Wein im Brut Bistro: Zwei Gänge plus zwei Glas Naturwein, ungefähr 130–180 PLN (30–42 EUR) pro Person. Für dasselbe Niveau in Hamburg — und ich kenne dort kein Restaurant mit vergleichbarer Weinkarte — rechnet man mit 80–120 EUR. Mindestens.

Degustationsmenü mit Weinbegleitung: Im Brut um die 300–350 PLN (70–81 EUR) mit allem. In einem vergleichbaren Restaurant in Deutschland? 150–200 EUR. Ohne zu übertreiben.

Die Rechnung ist einfach: Ein langes Wochenende in Danzig mit Flug, Hotel und vier Mal richtig gut essen und trinken kostet weniger als zwei Abende in einem guten Hamburger Restaurant. Und das Wetter an der Ostsee ist ungefähr gleich schlecht. Man fühlt sich also direkt heimisch.

Was Danzig (noch) nicht hat

Ich könnte jetzt so tun, als wäre Danzig das nächste große Ding. Ist es nicht. Noch nicht. Und Ehrlichkeit gehört dazu.

Kein Coravin. In Breslau hat das Pijalni Bistro Weine glasweise offen, dank Coravin-System — man kann teure Flaschen probieren, ohne eine ganze Flasche bestellen zu müssen. In Danzig gibt es das noch nicht. Man trinkt, was offen ist, oder bestellt eine Flasche.

Kein Raw Wine Fair. Berlin hat die Raw Wine, London hat die Real Wine Fair, Kopenhagen das Natural Wine Festival. In Polen? Nichts in dieser Größenordnung. Es gibt kleinere Events, Verkostungen, Pop-ups — aber keine internationale Messe, die den polnischen Naturwein auf die Landkarte setzen würde.

Die Szene ist fünf Jahre hinter Berlin. Vielleicht sieben. In Berlin bekommt man in jedem zweiten Restaurant Naturwein, in manchen Spätis steht Pet-Nat neben dem Augustiner. In Danzig muss man die drei richtigen Adressen kennen, sonst bekommt man konventionellen Wein in konventionellen Restaurants. Das ist kein Vorwurf — es ist einfach der Stand der Dinge.

Aber genau das macht es spannend. Man erlebt etwas in der Entstehung. Die Leute, die hier Naturwein ausschenken, sind keine Geschäftsleute, die einen Trend reiten. Sie sind Überzeugungstäter. Und irgendwann, in fünf oder zehn Jahren, wenn Danzig auf der Naturwein-Landkarte steht, kann man sagen: Ich war dabei, als es angefangen hat.

Oder man war zumindest oft genug am Tresen im Brut.

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Häufige Fragen

Was ist Naturwein eigentlich genau?

Wein aus biologisch oder biodynamisch angebauten Trauben, vergoren mit wilden Hefen, ohne Zusatzstoffe wie Zucker, Enzyme oder Schönungsmittel. Wenig bis kein zugesetzter Schwefel. In der Praxis heißt das: lebendigere, manchmal unberechenbarere Weine als konventionelle Tropfen — manche trüb, manche mit leichtem Prickeln, alle mit mehr Charakter als ein durchschnittlicher Supermarktwein. Man muss sich darauf einlassen. Aber wer das tut, will meistens nicht mehr zurück.

Wo kann man in Danzig Naturwein trinken?

Drei Adressen: Brut Bistro (Toruńska 25, über 150 Positionen, die mit Abstand größte Karte der Stadt), SEZON (Grobla I 3/4, kleinere aber klug zusammengestellte Auswahl), und Moja Wina (ul. Elektryków, hauptsächlich am Wochenende). Alle Details mit Preisen und Öffnungszeiten in meinem Weinbar-Guide.

Ist polnischer Wein wirklich gut?

Ja. Die Szene ist jung — unter 25 Jahren — aber Winzer wie Kamil Barczentewicz (Weingut Dobre, Blaufränkisch mit 95 Punkten) und Winnica Wieliczka (erstes biodynamisches Weingut Polens) machen Weine, die international mithalten. Kühles Klima, Kalksteinböden, niedrige Alkoholwerte unter 11 Prozent — das ergibt elegante, säurebetonte Weine. Näher an Burgund als an Australien.