Weinbars in Danzig

Weinflaschen auf dunklen Holzregalen in einer Weinbar — stimmungsvolle Beleuchtung

Bernsteinfarben, trüb, roch nach getrockneten Aprikosen und nassem Stein. Ich saß im Brut Bistro, Frühjahr 2022, und starrte ein Glas Skin-Contact Furmint aus Ungarn an. Ania aus dem Coworking Space hatte mich hierher geschleppt — „da ist so ein Laden, musst du probieren." Zwei Wochen vorher hatte ich meinen ersten Wein in Danzig getrunken, ein Sauvignon Blanc bei Mielżyński. Anständig. Korrekt. Langweilig. Dann dieses Glas. Maciej Łyko, der Sommelier, stand hinter dem Tresen und hat gewartet, bis ich getrunken habe. „Und?" Und seitdem habe ich mehr über Wein gelernt als in dreißig Jahren Hamburg.

Danzigs Weinszene ist klein. Richtig klein. Keine fünfzig Weinbars wie in Berlin oder Hamburg, keine Naturwein-Messe jeden zweiten Monat. Aber was es gibt, ist ernst, leidenschaftlich und — das muss man als Deutscher einfach erwähnen — absurd günstig. Ein Glas Naturwein, das in Hamburg 12 EUR kostet, trinke ich hier für 25 PLN (ca. 6 EUR). Eine ganze Flasche im Restaurant für das, was in der Schanze ein einzelnes Glas kostet. Das verändert, wie viel man probiert, wie mutig man bestellt, wie schnell man lernt.

Die drei, die zählen

SEZON Natural Wine Bar

Café & Naturweinbar Altstadt / Grobla I

Tagsüber ein Café mit gutem Filterkaffee und Kuchen. Abends eine Weinbar mit einem Programm, das mich überrascht hat. Gegründet von zwei Freunden, die von einer Radtour durch Mähren zurückkamen und dachten: warum gibt es das nicht in Danzig? Also haben sie es selbst gemacht.

Der Schwerpunkt liegt auf Tschechien und Osteuropa — Winzer, die man in Deutschland kaum kennt. Mährischer Grüner Veltliner, slowakischer Furmint, kroatische Malvasia. Dazu Franzosen und Italiener, aber der osteuropäische Teil ist das, was SEZON besonders macht. Die Auswahl ist kleiner als im Brut — vielleicht dreißig, vierzig offene Positionen — aber durchdacht.

An einem verregneten Dienstag im Oktober war ich eigentlich nur auf einen Kaffee da. Dann hat die Barkeeperin einen mährischen Grüner Veltliner von Milan Nestarec aufgemacht, und aus dem Kaffee wurde ein Abend. Passiert dort öfter. Die Atmosphäre ist entspannt, kein Weinsnobismus, man sitzt an kleinen Tischen oder am Tresen und redet mit den Leuten. Google-Bewertung 4.6 — verdient.

Adresse: Grobla I 3/4, Gdańsk
Preise: Glas Wein 22–35 PLN (ca. 5–8 EUR)
Öffnungszeiten: Di–Do 16–22, Fr–Sa 11–00, So 11–20
Reservierung: Nicht nötig
Mein Tipp: Freitagnachmittag. Kaffee bestellen, dann auf Wein umsteigen. Die Woche ist vorbei.
Glas Naturwein neben einer Flasche auf dem Tisch — typisch für Danzigs junge Weinbar-Szene

Moja Wina

Naturwein-Pop-up Stocznia / Werftgelände

Piotr Pietras hat kein festes Restaurant. Er hat einen Raum in der alten Elektrikerhalle auf dem Werftgelände — Hala W4, ul. Elektryków — und macht dort freitags bis sonntags Weinbar. Klingt provisorisch, ist es auch. Und genau deswegen gut.

Piotr kennt jeden Winzer persönlich, fährt selbst hin, kauft direkt. Pet-Nat aus der Champagne, Orange Wine aus Georgien, griechische Assyrtiko von Inseln, deren Namen ich nicht aussprechen kann. Die Auswahl wechselt ständig — was leer ist, ist leer, nächste Woche kommt was anderes.

An einem Freitagabend im Januar habe ich mich zu einem Tisch gesetzt, an dem schon zwei Polinnen und ein Franzose saßen. Piotr hat eine Flasche georgischen Rkatsiteli aufgemacht — im Qvevri ausgebaut, orange, wild — und wir haben zu viert darüber diskutiert, ob das noch Wein ist oder schon Kunst. Solche Abende. Muss man mögen. Ich mag es.

Adresse: ul. Elektryków, W4 Hala, Gdańsk (Werftgelände / Stocznia)
Preise: Glas ab 25 PLN (ca. 6 EUR), Flaschen zum Mitnehmen ab 60 PLN (ca. 14 EUR)
Öffnungszeiten: Nur Fr–So. Zeiten variieren — Instagram checken.
Reservierung: Nicht nötig, Walk-in
Mein Tipp: Samstagabend, wenn das Werftgelände lebt. Danach noch durch die Hallen schlendern.

Die konventionelle Szene

Nicht jeder will Naturwein. Verstehe ich — hat mir auch drei Monate gedauert. Danzig hat auch für konventionelle Weintrinker ein paar Adressen, die man kennen sollte. Aber — und das sage ich offen — keine davon hat mich so begeistert wie die drei oben.

Mielżyński in der ul. Narzędnikowców 10 auf dem Werftgelände — eine umgebaute Feuerwache, beeindruckend — ist eher Weinhandlung als Weinbar. Über 700 Etiketten, man kann alles verkosten, und die Auswahl an polnischen und internationalen Weinen ist die größte in Danzig. Das Problem: es fehlt die Seele. Man steht an einer Theke, wählt aus einem Katalog, bekommt ein Glas hingestellt. Keine Empfehlung, kein Gespräch, kein „probier doch mal das". Für einen Abend mit Freunden funktioniert es, für eine Weinentdeckung nicht.

Literacka an der Mariacka 50/52 — seit den 1950er-Jahren, ursprünglich der Polnische Schriftstellerverband — hat Atmosphäre und Geschichte. Die Bücherregale, die alten Möbel, im Winter der Kamin. Die Weinkarte ist solide, über 200 Positionen, rund 40 davon glasweise ab etwa 20 PLN (5 EUR). Aber niemand redet mit dir über den Wein. Du bestellst, du bekommst, du trinkst. In Hamburg ist das normal. Hier, wo es besser geht, fällt es auf. Mit knapp 1.800 TripAdvisor-Bewertungen ist sie die meistbesuchte Weinbar der Stadt — aber die meisten Gäste kommen wegen der Lage auf der Mariacka, nicht wegen der Empfehlung.

Bacca (Angielska Grobla 33/32) ist versteckt, intim, ruhig. Gut für ein Glas nach der Arbeit, wenn man seine Ruhe will. Kleine Karte, nett kuratiert, nichts Aufregendes. Probiernia (Targ Węglowy 6, Großes Zeughaus) hat die Touristenlage und das historische Gebäude. Alles in Ordnung, aber eben auch nicht mehr als das.

Weinglas und Käseplatte auf einem Holztisch — Wein und Essen als Einheit in einer Weinbar
Wein und kleine Gerichte — in Danzig gehört beides zusammen

Was es wirklich kostet — der Hamburg-Vergleich

Ich führe keine Exceltabelle, aber nach vier Jahren Wein trinken in beiden Städten habe ich ein ziemlich klares Bild. Und es ist deprimierend — für Hamburg.

Ein Glas Naturwein: 25–40 PLN (6–9 EUR) in Danzig. In Hamburg, im Portugiesenviertel oder in der Schanze, zahlst du für ein vergleichbares Glas 8–14 EUR. Manchmal mehr. Für Naturwein, der in Hamburg seit drei Jahren hip ist, legen die Bars nochmal drauf.

Eine Flasche im Restaurant: 80–150 PLN (19–35 EUR) in Danzig, und damit meine ich gute Flaschen — keine Massenproduzenten, sondern kleine Winzer aus Frankreich, Italien, Österreich. In Hamburg zahlst du für dieselbe Flasche 35–60 EUR. Wenn der Sommelier besonders stolz auf seinen Einkauf ist, auch 70.

Ein Abend mit Essen und Wein: Im Brut, Degustationsmenü mit Weinbegleitung, bin ich bei 200–280 PLN (46–65 EUR). In einem vergleichbaren Restaurant in Hamburg — und es gibt dort kein Restaurant auf Brut-Niveau mit dieser Weinkarte — wärst du bei 120 EUR aufwärts. Locker.

Du weinst, wenn du nach dem Danzig-Trip deine Hamburger Rechnung siehst. Ich sage das aus Erfahrung — mein erster Besuch zurück in Hamburg nach sechs Monaten Danzig, eine Flasche in der Weinbar bestellt, 48 EUR. Ich dachte, die haben das Komma vergessen.

Wo du wann hingehen solltest

Date Night: Brut Bistro. Kein Wettbewerb. Das Interieur, das Licht, Maciej der dir den perfekten Wein zum Essen empfiehlt — die Kombination ist unschlagbar. Reservier einen Tisch im hinteren Raum.

Alleine am Tresen, Neues entdecken: Auch Brut, aber unter der Woche. Dienstag oder Mittwoch, wenig los, Maciej hat Zeit. Oder SEZON, wenn du was Entspannteres willst — da kommst du schnell mit anderen Gästen ins Gespräch.

Mit einer Gruppe, die Wein mag: Mielżyński. Die Auswahl ist riesig, jeder findet was, und man kann Flaschen zum Mitnehmen kaufen. Kein Charme, aber praktisch.

Schnelles Glas vor dem Abendessen: Bacca. Rein, Glas trinken, raus. Kein Programm, keine Ablenkung. Oder SEZON, wenn du in der Nähe bist — die machen auch guten Kaffee, falls es doch noch zu früh für Wein ist.

Wochenend-Abenteuer: Moja Wina am Samstagabend, dann durch das Werftgelände spazieren. Die alte Stocznia hat mittlerweile ein paar Bars, Galerien, im Sommer Open-Air-Kino. Danach zu Fuß in die Altstadt, Absacker bei Literacka.

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Häufige Fragen

Gibt es in Danzig Naturwein?

Ja, und mehr als man erwarten würde. Drei Adressen widmen sich ausschließlich dem Naturwein: Brut Bistro hat über 150 Positionen und einen der besten Sommeliers des Landes. SEZON spezialisiert sich auf osteuropäische Winzer — Tschechien, Slowakei, Kroatien. Moja Wina ist ein Wochenend-Pop-up mit ständig wechselnder Auswahl. Dazu nehmen immer mehr Restaurants in Danzig Naturweine auf die Karte. Die Szene wächst.

Was kostet ein Glas Wein in Danzig?

Zwischen 20 und 40 PLN (5–9 EUR), je nach Bar und Wein. Naturwein liegt eher bei 25–40 PLN (6–9 EUR), konventioneller Wein ab 20 PLN (5 EUR). Zum Vergleich: in Hamburg oder Berlin zahlst du für ein vergleichbares Glas 8–14 EUR. Eine Flasche im Restaurant kostet in Danzig 80–150 PLN (19–35 EUR) — in Deutschland das Doppelte bis Dreifache.

Muss man in Weinbars reservieren?

Im Brut Bistro ja, unbedingt — besonders Freitag und Samstag ist oft ausgebucht. Über OpenTable oder DinnerBooking. Bei allen anderen Weinbars in Danzig (SEZON, Moja Wina, Mielżyński, Literacka) braucht man keine Reservierung, Walk-in funktioniert problemlos.

Kann man in Danzig auch Wein kaufen?

Klar. Mielżyński ist gleichzeitig Weinhandlung mit über 700 Flaschen — die größte Auswahl in der Stadt. SEZON verkauft Flaschen aus dem Programm, Moja Wina hat eine kleine Auswahl am Wochenende. Für Naturwein gibt es außerdem polnische Online-Shops wie Dobra Wina und Orange Wine, die nach Danzig liefern — oft günstiger als in der Bar.